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„Mal haben wir viel da, mal nicht so viel“

Die Lebensmittelausgabe im Bürgerhaus Bornheide unterstützt viele Bedürftige. Aber es wird eng.

08.03.2019 | „Wir sind an unsere Grenzen gekommen“, sagt Margarete Haller, „unter diesen Bedingungen können wir nicht noch mehr leisten, auch wenn der Bedarf größer ist.“ Worum geht es? Im Osdorfer Born gibt es seit 2007 eine Lebensmittelausgabe der Maria-Magdalena Kirchengemeinde, in Zusammenarbeit mit der „Tafel“ für Osdorf und Lurup, seit fünf Jahren befindet sie sich im Bürgerhaus Bornheide. Lebensmittelausgabe – das hört sich gut an, das ist auch eine großartige Einrichtung (s. Kasten). Aber hinter dieser Idee steckt ein soziales Problem: Lebensmittel werden hier „ausgegeben“ und nicht verkauft, weil es Menschen gibt, die nicht genug Geld haben, um alle notwendigen Lebensmittel zu bezahlen – Menschen, die arm sind. 500 „Berechtigte“ werden zurzeit auf den Listen der Osdorf-Luruper Lebensmittelausgabe geführt; das sind Menschen, die Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) oder Grundsicherung beziehen oder die aus anderen Gründen arm sind. Zu den Berechtigten gehören Partnerinnen oder Partner und ganze Familien, so dass der Kreis der Betroffenen um ein Mehrfaches größer ist. Die Lebensmittel werden freitags ab 15.30 Uhr ausgegeben, in wöchentlichem Wechsel an jeweils bis zu 250 Berechtigte.

 Das alles muss organisiert werden: Zwölf bis fünfzehn Ehrenamtliche kümmern sich Woche für Woche um die Ausgabe der Lebensmittel, und nicht nur das: Im Laufe der Woche fahren sie mit dem Fahrzeug der Kirchengemeinde zu verschiedenen Unternehmen, um die Lebensmittel abzuholen. Außerdem werden jeden Freitag über die Hamburger Tafel frische Lebensmittel angeliefert, die ebenfalls von Firmen zur Verfügung gestellt werden.

„Mal haben wir viel da, mal nicht so viel“, sagt Türkan Karagedikli, die die praktische Arbeit der Ehrenamtlichen koordiniert, „je nachdem können wir den Einzelnen mehr oder weniger geben.“ Da kann es schon auch mal Stress geben: „Warum bekommt die Frau mehr als ich?“, zitiert Christian Tack, der ehrenamtliche Geschäftsführer der Hamburger Tafel, einen Mann, der an der Ausgabe steht und sich empört. Da heißt es dann für die Ehrenamtlichen hinter den Ausgabetischen die Ruhe zu bewahren und geduldig zu erklären, dass andere Berechtigte Kinder zu versorgen haben.

Margarete Haller ist seit November 2017 für die Maria-Magdalena-Kirchengemeinde auch für die Lebensmittelausgabe tätig, als Nachfolgerin von Roland Schielke in dieser Funktion. Zu ihren Aufgaben gehört es u. a., während der Ausgabezeit den Zugang zu regulieren, indem sie die Nummern aufruft und so verhindert, dass es vor den Tischen Gedränge gibt. Vor allem aber überprüft sie im Vorwege in ihrem Büro die Berechtigung für den Bezug von Lebensmitteln und gibt dann weitere „Berechtigungsnachweise“ aus. Doch sie sagt: „Ich habe eine lange Warteliste, aber wir mussten diese Liste jetzt schließen und einen Aufnahmestopp verhängen. Wir können zurzeit keine weiteren Berechtigungen in Aussicht stellen, wir sind an den Freitagen komplett ausgelastet, die Ehrenamtlichen arbeiten ab 9.30 Uhr, und wenn die letzten Berechtigten gegen 18 Uhr versorgt sind, ist noch viel aufzuräumen.“

Denn eines der Probleme ist: Anders als andere derartige Einrichtungen hat die Osdorfer Lebensmittelausgabe keinen festen Ausgaberaum, in dem die nicht verderblichen Lebensmittel bleiben könnten. Jeden Freitag muss der „Bewegungsraum“ im Bürgerhaus Bornheide komplett ein- und ausgeräumt, müssen viele der Produkte aus dem Keller geholt werden. „Was uns helfen würde? Da gibt es mehrere Punkte: Wir brauchen erstens dauerhafte eigene Räume. Sinnvoll wäre es außerdem, wenn sich Interessierte und Betroffene zusammentun und eine zusätzliche Ausgabe in Lurup einrichten würden.

"Und wir könnten weitere ehrenamtliche Helferinnen und Helfer gebrauchen, die die körperlich – und oft auch psychisch – anstrengende Arbeit mittragen,“ so die Einschätzung von Margarete Haller. Die Politik ist gefordert Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt bei der Politik – eine Erhöhung des Mindestlohns sowie eine Anhebung der Bedarfssätze würde viele „Berechtigungen“ überflüssig machen; Maßnahmen zur Einschränkung der immer weiter wachsenden Zahl von sozialversicherungsfreien Jobs müssten hinzukommen. Dass auch MitarbeiterInnen von Jobcentern AntragstellerInnen hier und da nahelegen, zur „Hamburger Tafel“ zu gehen, zeigt, dass der Politik und den Ämtern das Problem der nicht ausreichenden Bedarfssätze bewusst ist – „die Tafel“, obwohl keine staatliche Einrichtung, wird da gerne mal empfohlen.

„Wo jedoch der Reichtum ebenso wächst wie die Zahl der Armen, muss von sozialstaatlichem Versagen gesprochen werden,“ schreibt der Paritätische Wohlfahrtsverband dazu in seinem Armutsbericht 2018. Die Frage, wie eine sozialstaatliche Lösung des Armutsproblems aussehen könnte, sollten Betroffene den politisch Zuständigen stellen – Gelegenheiten bieten sich: Die Wahlen zu den Bezirksversammlungen stehen an. Margarete Haller ist nicht nur in der Lebensmittelausgabe tätig. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die Sozialberatung (s. Kasten). „Da geht es um alle Themen und Probleme des Lebens: Fragen zur Grundsicherung oder zu Deutschkursen, Trauerfälle und Probleme mit Behörden, Arbeitslosigkeit und Fragen zu Ausbildungen und vieles andere“. In der reichen Stadt Hamburg braucht es das Engagement von Menschen wie Margarete Haller und den ehrenamtlich Aktiven der Hamburger Tafel sowie der vielen Lebensmittelausgaben, um die Armut nicht noch gravierender werden zu lassen.